Es gibt Seelen, die auf ewig und unauslöschlich aneinandergebunden sind. Bestien, Krieger und Heiler, die dazu verdammt sind, denselben mörderischen Krieg immer und immer wieder auszufechten. Die absolute Dunkelheit, die sie damals unerbittlich gejagt hat, ist nie wirklich verschwunden. Sie hat in den Epochen nur ihre Maske gewechselt. Sie hat geduldig und stumm in den tiefsten Schatten gewartet.
Und der Tag des Erwachens rückt unaufhaltsam näher.
Vorwort
Es gibt Erinnerungen, die zu tief in die Knochen gebrannt sind, als dass ein einziges, flüchtiges Leben ausreichen würde, um sie jemals zu vergessen. Man sagt, die Zeit sei wie ein stetiger, ruhiger Fluss, der uns unaufhaltsam von der Vergangenheit fort und in die sichere Zukunft trägt. Das ist eine beruhigende Lüge. Die Zeit ist kein Fluss. Sie ist ein dunkler, unergründlicher Ozean, und manche Geheimnisse weigern sich hartnäckig, auf seinem eiskalten Grund begraben zu bleiben. Sie lauern in der stummen, erdrückenden Dunkelheit, überdauern still die Jahrhunderte und warten nur auf den einen, winzigen Funken, der sie wieder gewaltsam an die Oberfläche treibt.
Du glaubst vielleicht, dein Leben gehöre dir allein. Du gehst durch eine laute, moderne Welt, lachst mit Freunden, liebst, weinst und fällst abends in den tiefen, sicheren Schlaf der Ahnungslosen. Du spürst die weichen Laken und fühlst dich geschützt in der festen Gewissheit, dass das Gestern unwiderruflich vorbei ist. Doch dann ist da dieser eine Traum. Er kommt nicht oft, aber wenn er dich heimsucht, ist er von einer brutalen, schmerzhaften Schärfe, die dir den Atem raubt. Plötzlich spürst du nicht mehr die wohlige Decke deines Bettes. Du spürst den rauen, nassen und eiskalten Stein unter deinen bloßen, zitternden Händen. Du riechst den beißenden, dichten Qualm von brennendem, altem Holz, der dir augenblicklich die Kehle zuschnürt und die Augen tränen lässt. Du schmeckst die bittere, metallische Note von frischem Blut auf deinen trockenen Lippen. Und tief in der fernen Dunkelheit hörst du das unerbittliche Klirren von kaltem Stahl und das panische, schrille Wiehern von Pferden in einer pechschwarzen, eisigen Nacht.
Du wachst schweißgebadet auf. Der kalte Schweiß klebt an deinem Nacken, das Herz hämmert wild und unkontrolliert gegen deine Rippen, und du redest dir krampfhaft ein, es sei nur ein Albtraum gewesen. Ein alberner Streich deiner überreizten Nerven im Stress des Alltags. Aber das metallisch schmeckende Blut lügt nicht. Es ist kein gewöhnlicher Traum. Es ist ein Echo. Ein dunkler Nachhall aus einer Zeit, in der die Schatten noch echte, gefürchtete Namen trugen und Dämonen nicht nur in verstaubten, alten Büchern existierten. Es ist das leise, fordernde Wispern eines Schwurs, der einst unter Schmerzen mit Leben, Tod und Asche besiegelt wurde.
Es gibt Seelen, die auf ewig und unauslöschlich aneinandergebunden sind. Bestien, Krieger und Heiler, die dazu verdammt sind, denselben mörderischen Krieg immer und immer wieder auszufechten. Die Dunkelheit, die sie damals unerbittlich gejagt hat, ist nie wirklich verschwunden. Sie hat in den Epochen nur ihre Maske gewechselt. Sie hat geduldig und stumm in den tiefsten Schatten gewartet. Und der Tag des Erwachens rückt unaufhaltsam näher.
Kapitel 1 Ein Fest im Schatten
Die Hitze in Châteauroux war in diesem Sommer eine klebrige, beinahe physische Last, die sich auf die Schultern der Menschen drückte. Sie lag wie eine ungewaschene, schwere Decke über den knorrigen Weinstöcken, die das Schloss der de Brans wie ein wogendes, erstickendes grünes Meer umgaben. Wenn der träge Wind für einen kurzen Moment drehte, trug er den feinen, kratzigen Staub der trockenen Wege, den gärenden, fast schon überreifen, süßlichen Geruch der zerdrückten Trauben und die ferne, salzige Verheißung des Meeres heran, die sich klamm auf die Haut legte.
Doch hinter den meterdicken, rauen Kalksteinmauern des Schlosses herrschte eine gedämpfte, kühle Stille, die absolut nichts mit der flirrenden Mittagshitze der draußen brennenden Landschaft gemein hatte. Augustus de Bran stand starr am massiven Bleiglasfenster seines Arbeitszimmers. Seine breiten, in feinen Stoff gekleideten Schultern hoben und senkten sich extrem langsam, während er beobachtete, wie die Sonne hinter den sanften Hügeln der Provence in einem zornigen Purpur verglühte und das ausgedörrte Land unaufhaltsam in immer tiefere, weiche Schatten tauchte. Er strich mit dem Daumen beständig über den schweren, goldenen Siegelring an seiner rechten Hand. Das kühle Metall des Ringes bildete einen rauen, markanten Kontrast zu seiner warmen Haut. Das erhabene Drachenwappen darauf war durch jahrzehntelanges, nervöses Reiben fast glatt geworden – ein stummer, abgenutzter Zeuge einer fernen Heimat, deren Namen er in den Gassen der hiesigen Stadt nur noch hinter vorgehaltener Hand flüsterte.
„Das Geschäft, Lord Crow ... es steht fest“, sagte Augustus, ohne sich von dem buntem Bleiglas des Fensters abzuwenden. Sein Französisch war makellos, doch die Worte drangen hart und kantig aus seiner Kehle, wie raue Kieselsteine, die auf dem Grund eines reißenden Gebirgsflusses unerbittlich aneinanderstießen. Er musste den Mann hinter sich nicht ansehen, um die subtile, kriechende Kälte zu spüren, die von ihm ausging und sich wie unsichtbarer Frost über die dunklen Holzdielen legte.
Crow saß tief in einem ausladenden Sessel, dessen altes, schweres Leder unter seinem Gewicht nicht ein einziges Mal knarrte. Er schien mit den tintenblauen, kühlen Schatten des Zimmers regelrecht zu verschmelzen, eine perfekte, unheimliche Symbiose aus teurem Stoff und purer Dunkelheit. Nur seine Hände waren im unruhigen, flackernden Licht der aufgestellten Kerzenleuchter auszumachen: bleiche, außergewöhnlich lange Finger, deren perfekt manikürte Nägel leise, in einem nervtötend gleichmäßigen Rhythmus auf dem dunklen, polierten Holz der Armlehne tippten. Klick. Klick. Klick. Es klang wie das unablässige Schaben eines Käfers hinter einer hohlen, geschlossenen Wandtäfelung.
„Sicherheit ist ein äußerst flüchtiges Gut, Monsieur de Bran“, erwiderte Crow. Seine Stimme war ruhig, dunkel und beinahe hypnotisch melodisch – eine ölige Eleganz, die sich sanft und trügerisch um die eigentlich feindselige Bedeutung seiner Worte legte. Er hielt einen Apfel in der Hand, ein pralles, glänzendes und tiefrotes Stück Obst, das einen fast schmerzhaften, satten Kontrast zu seiner blassen Haut bildete. Mit einem schmalen, rasiermesserscharfen Messer schälte er ihn. Die Schale löste sich unter seinen präzisen Bewegungen in einem perfekten, ununterbrochenen Band, ohne auch nur einmal einzureißen. Mit einer fließenden Geste führte er ein helles Stück zum Mund und kaute extrem langsam, mit einem demonstrativen, kühlen Genuss. „Besonders für eine Familie, die so beständig wirkt wie die Ihre.“ ...